Paris 1889 – Im Angesicht der Welten – ein Werkstattbericht

von Lena & Matthias Kalupner

Acht Jahre ist es inzwischen her, dass Stefan Küppers, Lars Reißig und ich an einem regnerischen Sonntagmorgen etwas übernächtigt unsere Kaffeetassen (Lena hat den Verdacht, es handelte sich eher um Bierflaschen in einer verregneten Samstagnacht) auf einem DSA-Autorentreffen umklammerten und unser Gespräch sich von Orken, Gareth und fliegenden Festungen zu Marsianern, Sumpfstadt und Ätherschiffen bewegte. Space 1889war schon damals Stefans Baby und natürlich suchte er immer und überall nach Leuten, mit denen er diese Begeisterung teilen und vorantreiben konnte. Entsprechend dauerte es auch nicht lang, bis er den folgenschweren Gedanken äußerte, dass er ja ungemein gern ein Space-Abenteuer hätte, das das Umfeld der berühmten 1889er Weltausstellung thematisierte.

Und dann fing es an zu wachs… wuchern

Also machten wir uns daran, einen Plot für ein Abenteuer zu entwerfen. Die Kern-Idee war schnell geboren. Nun galt es, sie so auszuarbeiten, dass sie das besondere Setting „Weltausstellung“ bestmöglich ausnutzte. Das wiederum führte zur Erkenntnis, dass dieses Setting erst einmal in seiner Gänze gestaltet werden musste. Diese Aufgabe war verzwickt, aber immer noch überschaubar. Die wichtigsten und interessantesten realen Aussteller und ihre Exponate waren problemlos zu recherchieren, ebenso wie die dazugehörigen Gelände. Auch die Verknüpfung der Ausstellung mit dem typischen Hintergrund von Space: 1889 war nicht schwierig. Etlichen Teilen des Geländes wurde ein außerirdischer Touch verpasst und die Ausstellung selbst wurde um Exponate aus den Bereichen Ätherflug, außerirdische Flora und Fauna und beindruckende Wunder der (Dampf)Technik ergänzt.
Noch während wir dabei waren, Ausstellung und Gelände zu Papier zu bringen, dämmerte uns, dass die Charaktere mehrere Monate in Paris verbringen und sicherlich auch die Stadt selbst erkunden wollen würden. Außerdem planten wir durchaus einige Örtlichkeiten außerhalb des Ausstellungsgeländes für das Abenteuer (Ja, anfänglich sollte es EIN durchschnittlich großes Abenteuer werden.) zu nutzen. Und damit erweiterte sich das Setting um die Beschreibung von Paris im Jahre 1889 – hier und da ein wenig verändert für die Welt von Space: 1889, aber ansonsten historisch möglichst korrekt.
Dies war der erste Schritt von einem „einfachen Abenteuer“ zum „Abenteuerband“ mit umfangreichem Setting, der Paris und die Weltausstellung für Spielleiter und Spieler gleichermaßen erschließt und hoffentlich auch abseits der Abenteuerhandlungen zu vielen vergnüglichen Spielstunden auf einem der Großereignisse des Space: 1889-Universums einlädt.

Recherche, Recherche, Recherche…

Das „umfangreiche Setting“ war allerdings nicht so schnell geschrieben, wie es sich oben zunächst anhört. Nachdem wir uns geeinigt hatten, wie in etwa es aufgebaut werden sollte, folgte Recherche und zwar viel davon. Bei der Ausstellung war das noch ganz simpel. Alles, was es zu ihr zu lesen gab, bezog sich auf das Jahr 1889. Hier war das größte Problem, fiktiven Hintergrund und Realität zu vereinbaren und die Ausstellung insgesamt etwas zu straffen, um sie übersichtlicher zu machen. So fiel zum Beispiel das Gelände der Industrie- und Agrarausstellung dem Rotstift zum Opfer, dafür erhielt die Ausstellung auf Marsfeld, Trocadéro und Invalidenheim mehr Platz. Dank der marsianischen Mathematik und außerirdischer Baustoffe ist der Eiffelturm einen Tick höher. Auch die Maschinenhalle wurde noch imposanter und hat leicht rötliche Glasflächen erhalten, die aus exotischen Mars-Sanden hergestellt wurden. In Kunst und Gesellschaft spiegeln sich ebenso außerirdische Einflüsse wieder: Gemälde zeigen Bilder von Mars und Venus, man führt marsianische Musikstücke auf und viele Vorträge drehen sich natürlich um außerirdische Themen. Außerdem wurden die Parkanlagen um den Trocadéro Mars und Venus gewidmet.
Die weitaus größere Herausforderung war es jedoch, herauszufinden, wie genau die Stadt Paris im Jahr1889 ausgesehen hat. Manche der heute wohlbekannten Sehenswürdigkeiten und renommierten Einrichtungen gab es noch gar nicht, manche waren gerade im Bau oder sahen womöglich noch ganz anders aus als heute. Ohne Wikipedia auf deutsch, englisch und in der größten Not (mit rudimentären Französisch-Schulkenntnissen) französisch wären wir aufgeschmissen gewesen. So hangelten wir uns von einem Artikel im Deutschen zu seinem englischen Nachbarn, der einen Unterlink hatte, dessen französischer Nachbar dann schließlich die erhoffte Information beinhaltete.
Und nachdem die irdische Datenlage geklärt war, musste das Ganze natürlich noch in den Space-Hintergrund eingebunden werden: Wie beeinflusst die veränderte politische Lage der Kommunarden-Republik Stadtbild oder Bevölkerung? Inwiefern haben fortschrittlichere Technik, Ätherflug und Kolonien auf Mars, Venus und Merkur Einfluss? Oft mussten wir nur an kleineren Details schrauben, denn Space: 1889zeichnet sich trotz allen Steampunks durch eine hohe Nähe zur irdischen Realität aus.
Bei den Recherchen klappte uns hin und wieder die Kinnlade nach unten, ob der absurden Dinge, die es im ausgehenden 19. Jahrhundert real gegeben hat. Sowohl der „anthropologische Zoo“, in dem fremde und wilde Menschenvölker zur Schau gestellt wurden, als auch die öffentliche Zurschaustellung der „hysterischen Frau“ im Amphitheater sorgten für hochgezogene Augenbrauen.

Hinein ins Abenteuer! (…es wuchert weiter)

Nachdem das Setting nicht nur recherchiert, sondern auch geschrieben und sogar schon abgenommen war, kehrten wir zum ursprünglichen Sinn und Zweck der ganzen Übung zurück: dem Abenteuer! Ein Blick auf den bisher ausgearbeiteten Plot ließ uns die Stirn runzeln. Obwohl noch immer episch, erschien es uns im Verhältnis zum Setting nun etwas… kurz. Nachdem wir so viel Mühe in die Ausstellung und die Stadt investiert hatten, waren wir der Meinung, dass man die Spielgruppe über den gesamten Ausstellungszeitraum beschäftigen müsste, um das Setting auch gebührend zu nutzen!
So kam es, dass aus einem Abenteuer zwei wurden, die aufeinander aufbauten. Um die Sache abzurunden und die Spielercharaktere in ruhigeren Phasen beschäftigt zu halten, fügten wir außerdem noch vier Szenarien hinzu.
Die Abenteuer sind so gestaltet, dass sie fast den kompletten Ausstellungszeitraum von mehreren Monaten abdecken. Das ist natürlich kein Muss. Wer möchte, kann vor allem das erste zeitlich deutlich komprimieren. Es dreht sich um eine Verbrecherbande, die mit Hilfe eines rätselhaften Artefaktes ein ums andere Mal die Weltenausstellung und Paris mit Einbrüchen heimsucht und die Stadt in Atem hält. Das zweite Abenteuer, dessen Titel und Inhalt wir aus Spoilergründen lieber nicht verraten wollen, spielt im direkten Umfeld Gustave Eiffels. Es steigert sich in dichter Folge zu einem Höhepunkt mit Knalleffekt, bei dem die Charaktere ihr ganzes Können einsetzen müssen, um – Spoileralarm! – die Welt zu retten!
Um – oftmals ja eher sprunghaften – Spielercharakteren einen plausiblen Grund zu geben, sich den ganzen Ausstellungszeitraum in Paris herumzutreiben, entschieden wir uns als Abenteueraufhänger dafür, sie direkt als Sonderermittler für die Ausstellung anzuheuern. Diese offizielle Stellung sollte auch gleich noch dafür sorgen, dass sie ihren Ermittlungen in Ruhe nachgehen können, ohne ständig mit Wachpersonal, Ausstellungsobrigkeit und Gendarmerie aneinander zu geraten. Da sie dafür nach Möglichkeit bereits über einen entsprechenden Ruf in gewissen Kreisen verfügen sollten, richtet sich der Band eher an erfahrene Abenteurer.

Und so bleibt uns nur viel Spaß mit dem Abenteuerband Paris 1889 – Im Angesicht der Weltenzu wünschen!


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